Der Totengräber von Ottowind

Eine Sage aus dem Coburger Land aus mündlicher Überlieferung
Neu bearbeitet von Ulrich Göpfert

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Das Dorf Ottowind auf den „Langen Bergen“
Foto: © Ulrich Göpfert

Gemeinde Meeder-OT Ottowind
Im Dorf Ottowind auf den „Langen Bergen“ lebte vor langer Zeit ein Totengräber und man wusste nicht festzulegen was größer war, seine Hässlichkeit oder Bösartigkeit. Er war von langer, magerer vorwärts gebogener Gestalt, schielenden Augen, fuchsroten, borstigen Haaren, und seine schnapsversoffene große Klumpnase saß in seinem gelben Gesicht. Gleich einem Werwolf, Vampir, wich man ihm aus, wie einem, der Unglück bringt, wenn man ihn nur ansieht.

Gewöhnlich ging er zornig umher, wenn niemand gestorben war. Hatte er aber ein Grab zu machen, dann war er heiter und guter Dinge, dann grüßte er Jedermann freundlich, dann hob er oft seine Schnapsflasche, dann sagte er mit Bedeutung und grüßend den in dortiger Gegend üblichen Spruch zu den Trauernden: „Ich wünsche euch Glück zu eurem Leid“. Lustige Sauflieder sang er, wenn er ein Grab aushob, und wenn er einscharrte, dann schimmerte in seinem Gesicht die scheußlichste Seelenlust.

An einem heiligen Dreikönigstag morgens
Schnee bedeckte die Fluren, gebar ihm seine Frau, die ihn nur geheiratet hatte, weil sie bis dahin in großer Armut lebte, einen gesunden munteren Knaben, und seine Freude war sehr groß. Aber nicht deshalb, dass ihm Gott ein Kind geschenkt hatte, sondern weil am Nachmittag eine Wöchnerin, der er früher den Hof gemacht hatte und die ihn mit Abscheu von sich gewiesen hatte, begraben werden sollte. Er war ihr seitdem spinnefeind geworden.

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Meederer Sagenweg – Skulptur:
„Der Totengräber von Ottowind“,
zu sehen in der Nähe des Friedhofes von Ottowind
Foto: © Ulrich Göpfert

Als der Leichenzug sich wieder in das Trauerhaus zum dort üblichen „Leichenschmaus“ begeben hatte und der Totengräber sich allein befand, schleuderte er voll heftiger Wut Erdschollen die Grube hinunter auf den Sarg, dass dieser einen schauerlich dumpfen Ton von sich gab, und rief im bittersten Spot: „Stolze, schöne Anna Margaretha, hier bette ich dir ein weiches Hochzeitslager in einem prächtigen Palast. Hier sind Würmer deine Knechte und Mäuse deine Mägde und pflegen werden sie dich nach Herzenslust. Hier ist es schön dunkel zum Kosen und Umarmen, schöne Anna Margaretha, und du schaust nicht mehr das verabscheute Gesicht des Totengräbers, oder hast du Lust mit mir zu tanzen, du warst ja immer die schnellste Tänzerin, so stehe ich dir zu Diensten, um dir zu zeigen, wie leicht ich eine Beleidigung vergesse“. So sprach er in seiner Wut und noch nie hatte er so schnell ein Grab aufgefüllt.

Am selben Tag saß er nachts um 11 Uhr am Bett seiner schlummernden Frau in schlimmen Gedanken versunken, als sich die Tür öffnete und eine Frau in einem Leichengewand eintrat. Sie ging starr auf den Dasitzenden zu und sagte mit hohler Stimme: „Du hast mich zu einem Tanz aufgefordert, ich erwarte dich nun auf dem Friedhof“. Tanze mit dem Teufel, aber nicht mit mir, brüllte der Totengräber, dass seine Gattin erwachte. Aber die Gestalt winkte ihm mit dem Finger und verschwand. Er sagte seiner Frau nicht, was vorgefallen war.

Am anderen Tag früh besah er das Grab, es war, wie er es verlassen hatte. Nachts um 11 Uhr erschien wieder die Gestalt und sagte drohend: Ich erwarte dich sicher zum Tanz, kommst du morgen nicht, dann hole ich dich, ich werde dich finden egal wo du die Nacht verbirgst. Sie winkte wieder und heftiger und verschwand.

Totengraeber 03
Im fahlen Mondlicht auf dem Friedhof
Foto: © Ulrich Göpfert

Am dritten Tag ging der Totengräber wie ein Geistesverwirrter umher. Er sprach verstört und irrsinnig. Seine Frau war sehr besorgt um ihn. Er gab ihr aber auf ihre Fragen, ob er krank sei und was ihm widerfahren sei, keine Antwort. Immer eifriger trank er aus der Schnapsflasche, und als es nachts elf Uhr geschlagen hatte, ließ es ihm keine Ruh und Rast mehr. Er stürzte mit der Flasche in der Hand aus der Stube.

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Meederer Sagenweg – Skulptur „Der Totengräber von Ottowind“,
zu sehen in der Nähe des Friedhofes von Ottowind
Foto: © Ulrich Göpfert

Am vierten Tag früh suchten die Leute von Ottowind, auf Bitten seiner Frau nach ihm. Als sie auf den Kirchhof kamen, sahen sie um ein Grab ringsum den Schnee, wie von Tanzenden niedergestampft, das Grab geöffnet, den Deckel vom Sarg abgeworfen und den Totengräber auf der vor drei Tagen begrabenen Wöchnerin liegen. Er war tot und auf seinem Gesicht lag tiefgefrorener Schweiß. Die Schnapsflasche stand leer neben ihm.

Der Friedhof von Ottowind befand sich früher zwischen dem ehemaligen Schulgebäude und der Kirche und war mit einer Mauer umgeben. Vor vielen Jahrzehnten stand dort ein verwitterter Stein, auf welchem eine Frau mit einem Totenkopf und in einem Leichengewand eingehauen war. Sie tanzte mit einem hässlichen Mann mit einer Flasche in der Hand. Daneben war ein Grab geöffnet, und an dessen Rand lagen Hacke und Schaufel.

Auf der unteren Seite war folgende Inschrift zu lesen:

Mit Toten frevle nicht,

Dich trifft ein ernstes Gericht;

Nicht Sünde auf dich lad,

Gott geb` der Seele Gnad.

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