Erinnerungen

Erinnerungen
Kindheit in Coburg von Edzard Klapp

Geschichten über die Holzkläpperle, den lebensgefährlichen Radelrutschen und den Knall-Schlüsseln

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Veste Coburg, auch Fränkische Krone genannt,
ist das Wahrzeichen der Stadt Coburg

2012 © Ulrich Göpfert

Vor geraumer Zeit erhielt ich Post von Herrn Edzard Klapp aus Steinenbronn, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Er berichtet darin, sehr eindrucksvoll geschildert, über seine Kindheit in Coburg. Ich hoffe Ihnen werden diese Zeilen genauso viel Freude und Schmunzeln bereiten, wie mir.

Über die Brandensteinsebene bin ich alleine oder mit meiner Mutter oft gewandert. Vom Probstgrund über das Ende des Herzogsweges war es nicht weit bis Löbelstein. Dort saß in einem obskuren Lokal, "Ziegelhütte", ein Schwarzbrenner, und mein Vater hatte die Unverfrorenheit, mich ahnungslosen Knaben wiederholt dorthin zu schicken, um billigen Fusel zu kaufen, wohlgemerkt, noch zur RM-Zeit vor der Währungsreform.

Es steckte schon ein hoher Grad von Dreistigkeit (den ich als ausführendes Organ nicht zu erkennen vermochte) darin, für 5 RM eine Flasche Fusel zu erwarten: "Einen schönen Gruß  vom Vater und Sie wüssten schon". Das ging mehrere Male gut, bis ich eines Tages nur die Ehefrau antraf (der Ehemann war "verreist") und nichts bekam, ich solle meinem Vater ausrichten, man habe mir das Zeug lediglich aus reiner Menschenfreundlichkeit überlassen, aber jetzt gäbe es nichts mehr. (Wenn ein Betroffener damals von "verreist"  sprach, dann bedeckte er verschmitzt lächelnd gleichzeitig das Gesicht kurz mit gespreizten Fingern.)

Über die zahllosen Ereignisse der damaligen Zeit
ließen sich pralle Romane schreiben:

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Das Foto aus dem Jahr 1953 zeigt Ulrich Göpfert mit seiner
Cousine Gisela im "damaligen Outfi" anlässlich des Gregoriusfestes
auf dem Ketschenanger in Coburg

2011 © Repro: Ulrich Göpfert

"Holzkläpperle"
Mit dem Ausdruck ungläubigen Erstaunens fuhr eine amerikanische Offiziersehefrau langsam an den Kindern vorbei, die mit ihren Holzkläpperle über das Straßenpflaster trippelten. Ich bekam keine Holzkläpperle, ich musste die Spangenschuhe meiner älteren Schwester auftragen. Das körperliche Missbehagen beim Tragen unerwünschter Kinderkleidung ruft in mir Erinnerungen an Leibchen mit gedrechselten beinernen Knöpfen hervor, an denen mittels labbriger Strapse in Schlechte-Zeiten-Qualität kratzige handgestrickte Strümpfe zu befestigen waren. Die Leibchen stammten noch aus der Kinderzeit meiner 14 Jahre älteren Schwester, ihre Spangenschuhe hatten einen Druckknopf auf dem Rist - wo ich doch allzu gerne diese Holzkläpperle getragen hätte: das waren Notbehelfs-Schuh-Ersatz-Mittel, gefertigt aus Querbrettchen, zusammengehalten durch aufgeklebte Stoffstreifen und Kunstleder-Riemchen anstelle vernünftiger Sandalenriemen, untendrunter irgendwelche pufferartigen Stollen. Beim schnellen Gehen oder Rennen klapperten diese Gehwerkzeuge hell auf dem Pflaster.

Heute weiß ich, dank der Spangenschuhe, die noch einem Mindestmaß orthopädischer Bedürfnisse gerecht wurden, blieb ich von Plattfußbildung verschont. Aber damals hätte ich doch ebenso wie meine Kameraden auch gerne Holzkläpperle gehabt.

Selbstgebastelte Radelrutscher
Gleichzeitig befuhren wagemutige Buben die steil abfallenden Straßen mit selbst gebastelten Rutschern. Einfachste Bauweise: ein Brett, darunter quer zwei Latten, die vordere Latte lenkbar mittels senkrecht gelagertem Nagel und einer Schnur zum Steuern, dann rechts und links vorne und hinten Kugellager auf die Latten und los gings, ein unverkennbares ratschendes Geräusch begleitete die halsbrecherische Fahrt, beispielsweise auf der Festungsstraße neben der Katholischen Kirche, die auch für entgegen kommende Fußgänger zur Mutprobe wurde, denn zum Bremsen gab es nichts außer den eigenen Hacken.

"Knall-Schlüssel"
Nicht genug damit, irgendjemand hatte herausgefunden, wie man mittels abgeschabter Zündholzköpfchen, einem alten Schlüssel und einem dicken Nagel ein Knallinstrument bauen konnte.
"Zündholzkopfabschrabsel" in den hohlen Schaft des Schlüssels, den passend dicken Nagel, dessen spitzes Ende stumpf gefeilt worden war, drauf. Dann wurden der Schlüssel und der Nagel, die mit einem Stück Schnur verbunden waren, derart gegen die nächste erreichbare Hauswand oder Bordsteinkante geschleudert, dass der Nagel in den Schlüssel und damit auf das Abschrabsel gepresst wurde. Im Erfolgsfall entzündete sich dasselbe explosionsartig mit hellem Knall. Wer das am besten konnte, war hoch angesehen.

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Schloss Ehrenburg, das Stadtschloss der Coburger Herzöge,
im Frühlingslicht vom Hofgarten aus gesehen

2012 © Ulrich Göpfert

Die Geschichten mit den Holzkläpperle, den lebensgefährlichen Radelrutschen und den Knall-Schlüsseln, das habe ich alles in Coburg selbst erlebt. Soll keiner sagen, ich hätte eine fade Kindheit gehabt, das Kratzen der Strümpfe aus widerborstigem Material auf den Oberschenkeln, der Spott der anderen Kinder über die beinernen Leibchen-Knöpfe, mein Neid auf die Holzkläpperle, die Radelrutscher, die Schlüssel-Knaller, all das ist mir noch gut in Erinnerung.

In Erinnerung ist mir auch die Stupsnase eines Knaben mit drei Wirbeln auf dem Hinterkopf (die Haare waren einfach nicht zu bändigen), diese Stupsnase verlieh ihm eine speziell auf Pilze getrimmte Wahrnehmung. Mit ihm Pilze suchen gehen, das bedeutete, auf reiche Beute zu stoßen. Die Habichtsschwämme, die Steinpilze, die Pfifferlinge, die Rotkappen und Butterpilze müssen ein für diesen von der Natur besonders ausgestatteten Buben erschnupperbares Aroma verströmt haben, kein Wunder bei drei Wirbeln auf dem Hinterkopf.

Wenn Sie meinen Namen als Suchbegriff im Internet eingeben, werden Sie einiges finden, an dem ich als Autor beteiligt gewesen bin, nicht zuletzt als Herausgeber an den Erinnerungen meines Vaters Hellmuth Klapp an dessen seltsame Militärlaufbahn "Dreimal Soldat". Aber das wäre nun wirklich eine andere Geschichte. 

Quellenhinweis:
Edzard Klapp, Vaihinger Strasse 19, 71144 Steinenbronn
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